Arica – Chile

Noch in Peru, hatte ich mir Ica mit den riesigen, die Stadt fast schluckenden Dünen angesehen. Auch sah ich dort eine Oase, die den Eindruck vermittelte, in der Mitte einer großen Sandwüste zu sein. In Nasca versuchte ich mir die riesigen Bilder anzusehen, die eigentlich nur aus der Luft zu erkennen sind. Ein Nachtbus brachte mich anschließend nach Tacna. In dieser Stadt angekommen, trennten mich noch etwa 55 km von Arica, in einem anderen Land, eigentlich in einer anderen Welt.

Am frühen Morgen erreichte der Bus den modern wirkenden Busbahnhof in Tacna. Ich hatte vor, den Abend in Chile ein Quartier zu beziehen. Hier wollte ich mir jedoch die Füße vertreten, die gerade aufgegangene Sonne wärmend auf der Haut spüren und das mit einem Frühstück verbinden. Am Schalter der Busgesellschaft, mit deren Bus ich kam, hatte man Verständnis für meine Wünsche. Ich konnte meinen Rucksack dort lassen, sogar kostenlos.

Unbeschwert konnte ich wieder eine mir bis dahin fremde Stadt erkunden, einige Straßen ablaufen. Ein Bäcker mit einigen Sitzgelegenheiten in seinem Laden, hielt für mich das richtige Frühstück bereit. Die Auswahl war groß und fiel aber nicht schwer. Gestärkt kam ich auf dem zentralen Platz der Stadt an. Rosen in weiß bis rot mit allen dazwischen liegenden Farbtönen zierten die Rabatten.
Aus meinem Winkel sah es so aus, als ob ein moderner Steinbogen, der etwa eine Höhe von zehn Metern hatte, die dahinter stehende Kirche mit dem Kuppeldach überspannte. Palmen rahmten dieses Bild noch ein.
Als ich wieder am Busbahnhof ankam, fiel mir auf, daß dieser geteilt war. Fahrten nach Chile starteten vom gegenüberliegenden Teil der Anlage. Dort wurde ich sofort von privaten Taxiunternehmern als potentieller Kunde erkannt. Auf den nächsten Bus hätte ich noch eine längere Zeit warten müssen. So kam ich dann mit einem beleibten Taxifahrer ins Geschäft. Er versprach bei den Grenzformalitäten behilflich zu sein und bald abzufahren. Da er schon drei Fahrgäste in seinem Fahrzeug hatte, hielt er beide Versprechen ein.

Ich holte meinen Rucksack. Ein alter Chevrolet sollte mich gut 50 Kilometer nach Süden und über eine Grenze bringen. Er war schwarz und geschätzte 25 Jahre machten ihn vielleicht sogar jünger. Die anderen drei Passagiere waren wesentlich schlanker als der Fahrer, was aber bei dessen Umfang kein Problem war. Dafür hatten sie relativ viel Gepäck dabei. Der Kofferraum ließ sich nicht mehr schließen. Jetzt kam aber noch mein Rucksack dazu. Bedenken meinerseits wollte der Fahrer mit einem lächelnden Kopfschütteln zerstreuen, was ihm auch gelang.

An der Grenze kannte er sich aus. Ihm waren auch die hinter den Schaltern sitzenden Beamte nicht unbekannt. Den anderen Fahrgästen hatte er vorher noch eine geöffnete Stange Zigaretten in die Hand gedrückt. Die verschiedenen Schalter hatten wir mit seiner Hilfe rasch in der richtigen Reihenfolge abgeklappert. Die Grenzlinie zog sich durch ein an Wüsten erinnerndes Gebiet. Rechts war ein Bahngleis auszumachen. Das Taxi bog später rechts ab, um ein Ehepaar am Flughafen abzusetzen. Danach ließ sich auch der Kofferraum wieder schließen.

Auf einer Nebenstraße fuhr erreichte das Taxi Arica. Die beiden freien Plätze wurden bald wieder von einem Kind und dessen Mutter aufgefüllt. An einem Art Kindergarten hatte der Fahrer auch noch etwas abzugeben. Die Übergabe dauerte, da auf die ersten drei Hupkonzerte niemand im Haus reagierte, und der Taxifahrer keine Lust verspürte, sich selber in Bewegung zu setzen. Kurze Zeit später war ich dann aber am Busbahnhof.

Ich war in der nördlichsten Stadt Chiles – Arica angekommen. In der Herberge hielt es mich nur kurz auf. Zuviel hatte ich schon gesehen, als das Taxi durch die Stadt kurvte. Die Orientierung war einfach. Parallele Straßen führten leicht abfallend zum Pazifik. Nur dort konnte der Hafen liegen. Mein Weg führte durch eine Fußgängerzone. Diese endete auf dem Plaza Baquedano. Der Platz war ein kleiner Park. Nach Norden bildete das Bahnhofsgebäude den Abschluß des Platzes. Aber das war kein normaler Bahnhof. In schwarzen Lettern stand an der obere Kante des klassizistisch wirkenden Gebäudes “FERROCARILL DE ARICA A LA PAZ“.
Das Gebäude hatte zwei hohe Etagen, wobei die obere einen Balkon hatte, der fast die gesamte Breite einnahm. In der Mitte gab es einen flachen Giebel, der in seiner Mitte einer Uhr Platz bot. Drei Fahnenstange reckten sich von der Fassade auf den Platz und waren bereit, um am nächsten Feiertag Flaggen zu tragen. Hier begann die legendäre Bahnlinie, die diesen Hafen mit La Paz in Bolivien verband.

Im Salpeterkrieg, der von 1879 bis 1883 geführt wurde, machte Chile Bolivien zu einem Binnenland. Als Entschädigung sollte Bolivien über eine zu bauende Bahn, Zugang zum Pazifik erhalten. Die zu überwindende Höhe machte dieses Projekt schwer, fast unmöglich. 1913 wurde eine Bahntrasse fertiggestellt, die es in sich hatte.
Nach etwa 450 Kilometern konnte La Paz nach abenteuerlicher Reise erreicht werden. Die höchste Stelle die hierbei passiert wurde, lag etwas mehr als 4000 Meter höher als der Startpunkt, vor dem ich jetzt stand. Zum Schluß benötigte der eingesetzte Schienenbus etwa zwölf Stunden. Sieben größere Tunnel boten kurzzeitig Schutz auf seinem abenteuerlichen Weg.

Die Bahn verkehrt nicht mehr. Die Streckenerhaltung verschlang immer größere Mittel. Das wußte ich aber, bevor ich mich auf die Reise vorbereitete. Vor drei oder vier Jahren sah ich im Fernsehen einen Bericht über diese Bahnreise. Heute wird noch eine Strecke in der Ebene durch die Schmalspurbahn bedient. Das Bahnhofsgebäude war an diesem Abend geschlossen. Auf dem Vorplatz stand aber noch eine der Lokomotiven. An einem Schild war gut zu lesen, daß sie 1924 in der Maschinenfabrik Esslingen gebaut wurde. Etwa ein Dutzend Lokomotiven aus Esslingen kamen hier auf dieser Strecke zum Einsatz. Jetzt kletterten Kinder auf die Lok und Väter erinnerten sich an Fahrten, die sie selbst noch unternehmen konnten.

El Morro de Arica

Dem Bahnhofsgebäude gegenüber, aber etwa 200 Meter entfernt, überragt ein anderes Wahrzeichen die gesamte Stadt. Es ist der El Morro de Arica. Der Felsen fällt zum Pazifik hin steil ab. Er läßt aber noch Platz für eine nach Süden, sich am Felsen vorbei schlängelnde Straße. Von hier unten sieht es aus als ob der gelbe Sandstein auf seinem Plateau nur eine riesige chilenische Flagge duldet, die sich im Wind bewegt.

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