Fürchtet euch nicht vor Chilenen

Fürchtet euch nicht! Ein Plädoyer dafür, keine Angst vor Chilenen zu haben.

Es ist Donnerstag, und es ist 23 Uhr. Der Himmel über Arica ist längst dunkel, leise ruht das Rauschen des Pazifiks über der Stadt im Norden Chiles.
Arica liegt ganz nahe an Peru, ganz nahe an Bolivien und damit mehr als mitten in Lateinamerika. Wie die meisten Einwohner der Stadt habe auch ich mich in meiner Wohnung verschanzt. Um diese Uhrzeit trennen einen chilenischen Haushalt dicke Vorhänge, Blechmauern und Eisengitter von der Aussenwelt, der Welt auf der Strasse.

Ich sitze und grüble nach über diesen Kontinent, der so anders ist als Europa, als es plötzlich an der Tür klopft. Ich erwarte niemanden, und ich bin ganz alleine hier. Ich öffne nicht. Natürlich nicht, schliesslich bin ich hier in einem Schwellenland. Wer weiss, wer da um Einlass bittet – eine Bande von Strassenräubern? Kinder, die Geld verlangen? Zigeuner, die um Zigaretten betteln?
Diese Haustuer ist meine einzige Sicherheit. Öffne ich sie, öffne ich mich der Welt auf der Strasse…

Chile, Chile, Chile…
Nein, ich werde diese Tür nicht aufmachen!
Aber es klopft erneut…

Ich weiss, dass Chile erfüllt bis heute nicht alle Verpflichtungen, die es mit Unterzeichnung der UN-Antifolter-Konvention eingegangen ist. Besonders gravierend ist die Situation in den oft überfüllten Gefängnissen, die nicht internationalen Standards gerecht wird. Und ich weiss auch, dass nach einer Reihe von Ereignissen kam es vor einem Jahr am 8. Dezember 2010 in der Haftanstalt San Miguel bei Santiago zu einem Aufstand und ein Feuer brach aus. In San Miguel waren zu diesem Zeitpunkt 1900 Menschen inhaftiert – ausgelegt ist das Gefängnis für 1000. In der Haftanstalt Santiago Sur mussten 400 Häftlinge die für 76 Insassen vorgesehenen Räumlichkeiten teilen. Die medizinische Versorgung und sanitäre Grundausstattung in den Gefängnissen sind nicht ausreichend…

Es klopft aber wieder!
Ich bediene mich meiner rudimentären Spanischkenntnisse und frage:
„¿Quién es?“ – „Wer ist da?“
Die Antwort folgt prompt in einem Schwall schneller, spanischer Worte. Ich verstehe nichts. Nein, ich werde diese Tür nicht aufmachen!
Aber es klopft erneut…

Was würden Sie tun?!?