Fürchtet euch nicht vor Chilenen
Fürchtet euch nicht vor Chilenen.
Fürchtet euch nicht! Ein Plädoyer dafür, keine Angst vor Chilenen zu haben.
Es ist Donnerstag, und es ist 23 Uhr. Der Himmel über Arica ist längst dunkel, leise ruht das Rauschen des Pazifiks über der Stadt im Norden Chiles.
Arica liegt ganz nahe an Peru, ganz nahe an Bolivien und damit mehr als mitten in Lateinamerika. Wie die meisten Einwohner der Stadt habe auch ich mich in meiner Wohnung verschanzt. Um diese Uhrzeit trennen einen chilenischen Haushalt dicke Vorhänge, Blechmauern und Eisengitter von der Aussenwelt, der Welt auf der Strasse.
Ich sitze und grüble nach über diesen Kontinent, der so anders ist als Europa, als es plötzlich an der Tür klopft. Ich erwarte niemanden, und ich bin ganz alleine hier. Ich öffne nicht.
Natürlich nicht, schliesslich bin ich hier in einem Schwellenland. Wer weiss, wer da um Einlass bittet – eine Bande von Strassenräubern? Kinder, die Geld verlangen? Zigeuner, die um Zigaretten betteln?
Diese Haustuer ist meine einzige Sicherheit. Öffne ich sie, öffne ich mich der Welt auf der Strasse.
Es klopft wieder.
Ich bediene mich meiner rudimentären Spanischkenntnisse und frage:
„¿Quién es?“ – „Wer ist da?“
Die Antwort folgt prompt in einem Schwall schneller, spanischer Worte. Ich verstehe nichts.
Nein, ich werde diese Tür nicht aufmachen!
Aber es klopft erneut...
Die Welt da draussen lässt nicht locker. Ich öffne mich ihr vorsichtig ein Stück weit und gehe auf den Balkon, von dem aus ich das Treppenhaus im Blick habe. Hier bin ich sicher, denn immerhin trennt mich noch ein Eisengitter vom penetranten Klopfer. Auf mein Rufen erscheint der Eindringling in meinem Blickfeld – irgendwas an ihm kommt mir bekannt vor.
WT-Tipp:
Ja, ganz eindeutig: Was dieser Mann in der Hand hält, ist mein Handtuch. Er stellt sich mir als mein Nachbar von unten vor. Er redet vom starken Wind an diesem Nachmittag und von meiner Wäsche, die es von meinem Balkon auf seinen Balkon geweht hat. Er lächelt und erzählt, dass er an diesem Haus mitgearbeitet hat. Er sei Fliesenleger, sagt er. Er gibt sich die grösste Mühe mit mir, spricht abwechselnd Spanisch und Englisch, damit ich ihn verstehe. Er gibt mir das Handtuch und als ich mich überschwänglich bedanke, winkt er ab. Sei doch selbstverständlich. Und verschwindet nach unten.
Mit einem Lächeln kehre ich zurück in meine Wohnung.
Ein Lächeln, das mir mein Nachbar auf die Lippen gezaubert hat.
Ein Lächeln, das ich der Aussenwelt verdanke, der Welt auf der Strasse. Die bei weitem nicht so gefährlich ist, als dass man sich vor ihr fürchten müsste.
Quelle Text: Autor: contentworld.com/authors/profile/875/

































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